GROSSE ESSER
Q Gallery Berlin präsentiert ab dem 13. Juni die monumentale Werkreihe GROSSE ESSER des berliner Künstlers Alexander Dik. Mit der Reihe setzt sich der Maler radikal mit den existenziellen Grundlagen des Menschseins auseinander: mit Hunger, Begierde, Zerstörung und Selbsterhaltung. Die Idee, überlebensgroße Porträts von „Essern“ zu schaffen, war dabei nicht nur ein formaler, sondern auch ein inhaltlicher Befreiungsschlag – ein Angriff auf die Konventionen des Porträts ebenso wie auf die tradierten Regeln des Malens. Der Künstler sprengt mit dieser Serie die Grenzen des klassischen Malprozesses. Nach zahlreichen Versuchen mit dem Pinsel, deren Ausdruck ihm nicht ausreichte, entschied er sich für einen drastischen Schritt: Er stellte sich buchstäblich in das Bild. Mit seinen Füßen, seinem ganzen Körper, bearbeitet er die am Boden ausgerollte Leinwand – ein Akt des physischen Eingreifens, der zwischen Zerstörung und Schöpfung oszilliert. Trampelnd, schleifend, tretend entsteht so eine rohe, direkte Bildsprache, die sich jeder Kontrolle entzieht und doch in sich eine tiefe Klarheit trägt. „Ich muss ständig reagieren“, sagt der Künstler. „Reagieren auf das Vorhandene, auf mein Umfeld – und vor allem auf mich selbst.“ Die Grosse Esser sind damit keine statischen Porträts, sondern vibrierende Momentaufnahmen eines inneren wie äußeren Ringens. Der Mensch als Wesen im Ausnahmezustand – zerrissen zwischen Konsum und Selbstvernichtung, zwischen Fleischlichkeit und Transzendenz. Die ikonografische Nähe zu kunsthistorischen Vorbildern wie Leonardo da Vincis Abendmahl, Van Goghs Kartoffelesser oder Georg Baselitz’ Orangenesser ist kein Zufall. Sie dient als Ausgangspunkt, als Resonanzraum, in dem die Grosse Esser ihre eigene Zeit reflektieren. Doch wo jene Werke noch erzählerisch oder symbolisch vorgingen, treiben die Arbeiten dieses Malers die Darstellung ins Extreme – hin zu einer direkten, brutalen Gegenwart. „Fressen oder gefressen werden“, sagt der Künstler – ein Leitsatz, der sich wie ein Echo durch die Bildflächen zieht. In diesen Werken wird das Essende, der Esser, zum Symbol des Menschen selbst, der sich in einem fortlaufenden Prozess der Aneignung, Verschwendung und Selbstauflösung befindet. Die Grosse Esser sind damit nicht nur Gemälde – sie sind Körper, Bühne, Schlachtfeld. Und zugleich eine kompromisslose Position im zeitgenössischen Diskurs um Identität, Körperlichkeit und Bildtradition.
Alexander Dik, geboren 1983 in Kasachstan, lebt und arbeitet in Berlin, ist Maler und Bildhauer. Seine Kunst bewegt sich zwischen figurativer Abstraktion, körperlicher Direktheit und gesellschaftlicher Provokation. Seine Biografie ist von Brüchen, Kämpfen und einem besonderen kulturellen Erbe geprägt: Dik stammt aus einer wolgadeutschen Familie, die während des Zweiten Weltkriegs von der Sowjetunion nach Kasachstan deportiert wurde. Diese Erfahrung von Enteignung, Sprachverlust und Identitätsbrüchen prägt seine Haltung – nicht plakativ, sondern als latenter Widerstand gegen Verdrängung und Gleichgültigkeit.